In 30 Tagen von Berlin nach Wien

Sophie Lüttich, Mamas Zopf, Haarspende, In 30 Tagen von Berlin nach Wien, Mama wandert
Corinna
Corinna

"Ich habe ein Faible für Menschen und ihre Geschichten."

Wenn man davon ausgeht, dass man ca. 10.000 Schritte machen muss, um sechs Kilometer zurückzulegen. Dann hat Sophie Lüttich im Sommer 2020 innerhalb von 30 Tagen ca. 1.251.666 Schritte zurückgelegt. Klingt krass, war es auch. Denn die dreifache Mama, ist nicht einfach nur gelaufen, sondern hat mit ihrer Wanderung ganz viel Gutes bewirkt.

Sophie hat mit dieser Aktion, ganz vielen Menschen bewiesen, dass es sich lohnt, wenn man seine verrückten Ideen einfach mal umsetzt, auch als Mama. In meinen Augen ist sie ein Vorbild für ganz viele Mütter. Sie hat nicht nur gequatscht, sie hat es einfach gemacht. Denn ganz ehrlich, wie oft denken wir Mütter: „Ich würde das schon gern machen, aber was ist mit den Kindern?“.

„Woher nimmst du nur deinen Mut?“

Sophie wurde oft danach gefragt, woher sie ihren Mut für diese Tour nahm. Doch die Frage bezog sich nicht auf die Tatsache, dass sie von Berlin nach Wien laufen wollte. Nein, als mutig wurde von vielen empfunden, dass eine Mutter 30 Tage lang ihre Kinder in die Obhut des Vaters und der Großeltern gibt. Diese Zeilen zu schreiben, kommt mir wahnsinnig verrückt vor. Doch es ist Fakt, dass viele Mamas denken, sie könnten so etwas nicht tun, ohne die Kinder oder die Familie zu schädigen. Und deshalb finde ich es so wichtig, dass wir solche Geschichten erzählen. Einfach um zu zeigen, was alles geht. Was jede will, kann/darf/muss jede für sich entscheiden. Doch Kinder sind nie ein Hindernis, höchstens eine Ausrede (diesen Satz schreibe ich hauptsächlich als Reminder für mich, wenn ich mal wieder denke, ich kann nicht weil…).

Sophie sammelte auf ihrem Weg über 16.000€ Spendengelder

Sophie ist für mich eine echte Mutmacherin. Sie beweist einfach, dass man echt große Dinge reißen kann, wenn man es einfach mal macht. Die 3-fache Mama hat bei ihrer Wanderung über 16.000€ Spendengelder gesammelt und konnte so verschiedene soziale Einrichtungen und Hilfsprojekte konkret unterstützen, z.B. das Kinder-Hospiz Sternenbrücke in Hamburg, die GemüseAckerdemie und das Projekt „Stark für Mütter“ sowie viele mehr. Ist das nicht der Wahnsinn?

Das eigentliche Ziel war jedoch ein ganz anderes. Sie wollte ihre Haarspende dieses Mal persönlich überreichen. Sophie hat den weiten Fußmarsch von Berlin nach Wien auf sich genommen, um dort ihren Zopf für den gemeinnützigen Verein „Haarfee“ zu spenden. Dieser stellt Echthaarperücken für Kinder her, die aufgrund von erlebten Schicksalsschlägen keine Haare mehr haben.

Wie kommt man auf so eine Idee?

„Ich habe irgendwann mal zusammen mit meinen Kindern einen sehr bewegenden Beitrag bei KiKA gesehen. Der Beitrag handelte von einem Mädchen, das seine Haare für seine krebskranke Freundin gespendet hat. Meine Kinder fragten mich daraufhin, ob ich so etwas auch machen würde. Und so kam es, dass ich 2015 zum ersten Mal meine Haare gespendet habe. Diese habe ich allerdings per Post nach Wien geschickt.

Naivität als größtes Plus?!

Als ich im Herbst 2018 dann einen Unfall hatte, bei dem ich mir die Kniescheibe gebrochen hatte und wochenlang im Bett liegen musste, kam mir zum ersten Mal die Idee, dass ich ja nach Wien laufen könnte. Dadurch, dass ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht gehen durfte, damit das Knie heilen kann, hatte ich eine große Wertschätzung gegenüber der Fähigkeit des Gehens entwickelt. Und 2020 habe ich es dann tatsächlich umgesetzt. Ich habe 8 Wochen Sabbatical beantragt und dann ging es in den Sommerferien los. Geplant habe ich die Wanderung innerhalb von 12 Wochen, mit der Methode „Working Out Loud“. Ich glaube, mein größtes Plus war meine Naivität, mit der ich an das Thema Langstreckenwanderung herangegangen bin. Ich sah es ein bisschen wie Pipi Langstrumpf „Ich habe es noch nie vorher gemacht also bin ich mir sicher, dass ich es schaffe“.

Wie weit kann ich meine Komfortzone verlassen?

Ich habe Sophies Wanderung letztes Jahr gespannt über Instagram verfolgt und mir war klar, dass ich unbedingt irgendwann mal mit ihr darüber sprechen will. Sophie ist in meinen Augen unglaublich beeindruckend und mutig. Allein bei dem Gedanken, ich wäre 30 Tage lang allein mit meinem Kopf, bekomme ich ehrlich gesagt ein beklemmendes Gefühl. Ich weiß nicht, ob es das größte Abenteuer meines Lebens wäre, oder einfach nur der Horror. Ich bin ein Mensch, der er liebt sich mit anderen auszutauschen. Ich reflektiere sozusagen während des Redens und manchmal nutze ich auch Gespräche mit anderen um mir selbst nicht mehr zuhören zu müssen. 30 Tage mit mir allein, ohne Ablenkung liegen noch weit außer meiner Komfortzone. Doch auch für Sophie war diese Wanderung kein Spaziergang.

„Als ich beschloss, diese Wanderung tatsächlich zu machen, wollte ich wissen, ob ich überhaupt so weit aus meiner Komfortzone gehen kann. Ich wollte wissen, ob ich das kann. Die krasseste Begegnung hatte ich tatsächlich mit mir selbst. Am Anfang hatte ich noch beim Wandern Podcasts gehört, nach ein paar Tagen hatte ich allerdings den spannendsten Podcast im Kopf. Wenn man stundenlang ohne Ablenkung an einer gleichbleibenden Monokultur aus Kiefern vorbeiläuft, passieren aufregende Dinge im Kopf. Ich habe auch das Thema Eigenverantwortung völlig neu kennengelernt. Ich konnte zwar Pausen machen, wann ich wollte, aber wenn ich aber zu spät losgelaufen war, oder meinen Rucksack schlecht gepackt hatte, war ich eben auch allein in dieser Verantwortung. Ich konnte nicht einfach sagen, jemand anders hätte mir schlecht zugearbeitet. Ich habe mich irgendwann wie ein eigenes kleines Unternehmen betrachtet – und ja, es gab auch ab und zu eine Krisensitzung.“

„Die krasseste Begegnung hatte ich tatsächlich mit mir selbst.“

Sophie Lüttich

Was war deine größte Herausforderung?

„Meine größte Herausforderung war die Planung. Es ist herausfordernd etwas zu planen, von dem man nicht weiß, wie es ist. Eine weitere Herausforderung war es, jeden Tag wieder loszulaufen. Ich hatte zwischendrin einen richtigen Hänger, zu dem Zeitpunkt hat sich Wien unglaublich weit weg angefühlt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es nicht hilfreich ist, an das Ziel zu denken, wenn es noch 500 km weit weg ist. Also habe ich mich gefragt, was ich konkret tun muss, um das Ziel zu erreichen und der erste Schritt war, den nächsten Tag zu überstehen. Dann habe ich mich gefragt, was ich brauche ich, um diesen Tag gut zu überstehen? Dabei kam heraus: Schlaf, Essen, Pausen, eine Wadenmassage und positive Gedanken. Dass ich plötzlich nicht mehr an das große Ziel dachte, sondern nur noch in Häppchen dachte, hat vieles für mich erleichtert.

Große Ziele vs. kleinen Zielen

Ein großes Ziel kann motivieren, aber auch einschüchtern. Ich habe mich ab dem Zeitpunkt immer gefragt: Was brauche ich genau jetzt, damit es mir gut geht? Manchmal war es eine vorgezogene Pause, manchmal ein roter Saft und manchmal beides zusammen. Ganz nach dem Motto „pay yourself first“ habe ich angefangen, mich darauf zu konzentrieren, was ich brauche, damit es mir gut geht. Denn wenn ich am Boden liege kann ich keinem anderen helfen. Und dann hätte ich mein Ziel nicht erreicht. Deshalb mein Tipp, wenn das Ziel zu groß ist, dann mache es klein und vor allem kümmere dich gut um dich selbst.“

Ich glaube das, was Sophie gerade beschrieben hat können wir alle auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche anwenden. Als ich mit Sophie gesprochen hatte, habe ich gerade meinen Buchlaunch vorbereitet und ich habe mich in fast jedem ihrer Worte wiedererkannt. Große Ziele können einen motivieren alles zu geben, doch manchmal machen sie auch echt Angst. Beim Buchlaunch ging es mir da auch nicht anders. Ich weiß nicht, wie oft ich in dieser Zeit an Anna (Eiskönigin) denken musste. Im zweiten Teil von „Die Eiskönigin“ singt sie „…Mach nur den nächsten Schritt. Nur ein Schritt, gleich nochmal…“. Und genau das ist es was wir im Leben meiner Meinung nach immer wieder tun dürfen.

Was ist dein Highlight von dieser krassen Erfahrung?

„Ich hatte viele emotionale Highlights. Ich habe viel gelacht und viel geheult. Mein kleines tägliches Highlight war tatsächlich ein Eis. Das größte Highlight war allerdings der letzte Tag. Ich wusste, dass mein Mann bereits in Wien mit einer Flasche Champagner auf mich wartet. Ich hatte ein Zug-Rückfahrticket für Zwei gebucht und das Gefühl, es bald tatsächlich geschafft zu haben war unbeschreiblich. Auch wenn die letzte Etappe an der Donau entlang nochmal echt krass war. Ich habe auf den letzten Metern meinen Füßen nochmal alles abverlangt, doch die Schmerzen kamen zum Glück erst im Nachhinein.


Mein Handy war sonst bis auf die Pausen immer im Flugmodus, aber am letzten Tag habe ich dann doch geschaut und festgestellt, dass ich mein Spendenziel nicht nur erreicht, sondern verdoppelt hatte. Dann gab es kein Halten mehr und ich bin heulend die Donauinsel entlang gewandert. Einige haben mich ein wenig verwundert angeschaut, aber das war egal. Der Himmel war noch nie so blau wie an diesem Tag. Ich wurde förmlich von einer Welle getragen. Dieses Gefühl am Ende vor dem Stephansdom in Wien zu stehen war unbeschreiblich. Es wirklich geschafft zu haben. Das war schon sehr emotional.“

In 30 Tagen von Berlin nach Wien- und was jetzt?

„Diese Tour hat keinen völlig anderen Mensch aus mir gemacht. Ich bin immer noch so pragmatisch wie früher und ich bin auch jetzt nicht die große Wandermaus. Ich habe das jetzt mal gemacht, aber ich muss das nicht ständig wiederholen. Ich bin am Anfang allerdings im Kopf noch eine ganze Weile noch weitergewandert, das ebbte erst ab, als ich irgendwann festgestellt habe, dass die Bilder im Kopf und die Bilder die ich mit der Kamera gemacht habe doch unterschiedlich sind. Da war der See gar nicht so blau, wie ich es in Erinnerung hatte.

Ich habe aber lange von dem Erlebnis gezehrt, vor allem als der zweite Lockdown kam. Und ein paar Highlights der Reise habe ich tatsächlich in meinen Alltag integriert. Mein Mann und ich haben bspw. ein neues Ritual, dass wir auch bei mittelmäßigem Wetter noch eine Runde um den Block gehen. Und ab und zu habe ich immer noch meine Eis-Dates mit mir selbst. Das Erlebnis selbst hat man ja nur einmal, aber die Highlights daraus kann man dennoch ein wenig in den Alltag integrieren.“

Ist Sophie nicht eine wundervolle und inspirierende Frau? Wenn du mehr über sie erfahren möchtest, schau doch auf ihrer Webseite vorbei oder folge ihr gerne auf Instagram.

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