Mein haariges Experiment

Corinna
Corinna

"Ich habe ein Faible für Menschen und ihre Geschichten."

Lesezeit 3 Minuten

Vor einigen Wochen habe ich das Buch „Sie hat Bock“ von Katja Lewina gelesen. Ein Kapitel daraus lautete „Halb Mensch, halb Tier“  und genau dieses hat mich dazu verleitet ein haariges Experiment zu wagen: 30 Tage keine Haarentfernung. Ich wollte mit 34 Jahren doch mal herausfinden, wie mein Körper behaart aussieht und vor allem was diese Körperbehaarung mit mir macht. Nach Lewinas Buch, fragte ich mich, ob ich Haare unter den Armen, an den Beinen und im Intimbereich eklig fand oder eher das unbewusst übernommene Gesellschaftsbild?! Getriggert wurde ich von ihrer Aussage, dass sie sich seit 2 Jahren nicht mehr rasiert.

So fasste ich den Entschluss, das Ganze 30 Tage lang zu testen. Der November schien perfekt dafür zu sein, denn schließlich gab es dank des „Movember“ sowieso genügend globale Energie die den Haarwuchs befürwortete. Eigentlich ist der „Movember“ bzw. der „No Shave November“ eine reine Männeraktion, bei dem Männer sich einen Monat lang nicht den Bart rasieren, um auf das Thema Männergesundheit aufmerksam zu machen. Insbesondere auf Hodenkrebs und Prostatakrebs. Irgendwie dachte ich aber, es könne keinem schaden, wenn ich mich auch als Frau mit einer anderen Intention der Bewegung still und heimlich auf eine andere Art und Weise anschließen würde. Auch wenn ich natürlich, keinen vorzeigbaren Beitrag zum „Movember“ leisten konnte. 

Ziel des Ganzen war herauszufinden, wie meine eigene Meinung zum Thema Körperbehaarung aussah. Der Entschluss, das Experiment zu wagen fühlte sich ziemlich intim an. Es war eine Art intime Rebellion, die ich erst erleben musste bevor ich darüber sprechen konnte. Ich wollte herausfinden, wie meine persönliche Meinung dazu ist, ganz ohne das ganze im Außen. Zusätzlich war es tatsächlich ein Thema, dass mich mit Scham konfrontierte. Ich weiß noch, wie penibel ich darauf geachtet habe, dass ich haarlos zu meinen Arztterminen und auch zur Geburt erschien. Im Nachhinein ziemlich bekloppt. Dennoch war das Thema für mich real. Und ja es hat mich echt Überwindung gekostet es meinem Mann zu erzählen. Ich fand den Gedanken, dass er mich nach fast 12 Jahren Ehe das erste Mal in meiner vollen Haarpracht sehen würde, mehr als seltsam. Seine Begeisterung für dieses Projekt hielt sich, drücken wir es vorsichtig aus, in Grenzen. Allein dafür hatte es sich schon gelohnt. Denn seine „Abneigung“ stellte komische Dinge mit mir an. Plötzlich sprang sofort der Mindfuck an: „Bin ich mit Haaren für meinen Mann unattraktiv?“ „Ekelt er sich dann vor mir?“ „Haben wir dann keinen Sex mehr?“ „Sucht er sich dann eine andere?“… Dann stellte ich mir die Frage, welche Ehe wegen ein paar Haaren enden würde? 

Im Nachhinein kann ich herzlich über all die Fragen lachen. Die Zweifel, die in dem Moment aufkamen haben mir aber gezeigt, wie sehr ich meinem Mann gefallen will. Auch unabhängig davon, ob ich mir nicht auch anders gefalle. Das ist ein Punkt, an dem ich noch arbeiten darf. Denn ich glaube, es wäre viel schöner, wenn ich so selbstbewusst wäre, dass ich in erster Linie mir selbst gefallen möchte und ihm dann die Tatsache gefällt wie sehr ich Ich-Selbst bin. 

In der ersten Woche, beobachtete ich mich, wie ich förmlich darauf wartete, dass endlich Haare wachsen würden. Völlig bekloppt, aber es hatte schon etwas von einer Art Pubertät Feeling. Als sie dann wuchsen gab es dann tatsächlich 1 bis 2 Tage an denen mich die wachsenden Haare im Schritt immer wieder juckten und ich so Sätze dachte wie: „Ah, dass ist der Grund, warum sich manche Menschen dort kratzen“. Ich weiß zum Totlachen. Gleichzeitig, war ich auch voller Vorurteile. Ich dachte wirklich, dass ich unter den Armen mehr schwitzen würde. Und im Worst Case, vielleicht sogar anfangen würde zu stinken. Meine Beine waren eine Weile etwas stachelig, aber ansonsten?

Verwundert hat mich besonders, dass mich die Behaarung unter dem Armen tatsächlich am wenigsten gestört hat. In der Hälfte des Experiments, hatte ich echt das Gefühl ich könne auch mit Haaren fantastisch leben. Ich hatte irgendwie erwartet, dass sie etwas an meinem Körpergefühl ändern, dass ich mich dadurch unweiblich und unattraktiv fühlen würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Je nachdem in welcher Tagesverfassung ich war, fühlte ich mich durch die Haare besonders rebellisch, im positiven Sinne.  Mein Inneres dachte:„Sieh dich an, wie mutig du bist“. Verrückt, ich weiß, aber es gefiel mir das System zu hinterfragen und das Gegenteil davon zu machen was man von mir erwartete. Es war ein leises auflehnen. Und dabei schwang die große Frage mit: „Was will ICH eigentlich?“

Es war aber nicht 30 Tage voller Sonnenschein und Positivität. An manchen Tagen war ich durch meinen Haarwuchs doch recht stark verunsichert. Die Angst, was jemand dazu sagen würde war riesig. Besonders in Sachen Intimbehaarung war ich sehr anfällig für Zweifel. Da nahm das Thema „gefallen wollen“ sehr viel Platz ein. Auch wenn sich die Verunsicherung und die Zweifel alles andere als angenehm angefühlt hat sich das ganze gelohnt. Denn geht es nicht erst einmal in erster Linie darum herauszufinden, wie ich mir am besten gefalle? Was passiert, wenn ich plötzlich nicht mehr dem gesellschaftlichen Ideal entspreche, sondern eine eigene Wahrheit finde? 

Die Tiefsinnigkeit dieses Experiments hat mich tatsächlich überrascht. Schließlich geht es nur um ein paar Haare, doch irgendwie ist es doch mehr als das. 

Mein Fazit

Auch wenn es prinzipiell völlig egal ist, war es für mich ein wichtiges Experiment. Durch diese kleinen „harmlosen“ Dinge lerne ich mehr über mich und das was ich eigentlich will. Es war auch spannend etwas durchzuziehen, von dem ich wusste, dass mein Partner es blöd findet. Das auszuhalten war nicht immer leicht. Doch es hat gezeigt, dass ich auf mich und meine Gefühle vertrauen kann. Ganz egal, was jemand zu mir sagt, auch wenn es der Mensch ist dessen Meinung ich am meisten schätze. Die ganzen Gespräche und unterschiedlichen Meinungen haben auch dazu geführt, dass wir noch ein Stück ehrlicher miteinander umgehen können, wie sowieso schon. Falls du dich fragt wie es mit meiner Haarpracht weitergeht? Ich weiß es nicht. Grundsätzlich bin ich glaube ich tatsächlich eher für rasieren, aber ich werde mir nie wieder so viel Stress machen, wenn die Haare dann tatsächlich mal sichtbar sein sollten.